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DOKUMENTATION

Auswertung „Next X – Steps, Stationen, Strukturen“

Am letzten Vormittag der Konferenz „eins: zum andern“ wurde in drei Gesprächsgruppen mit den Teilnehmer:innen (moderiert von Christian Metz, Tristan Marquardt und Anja Utler) zunächst der Verlauf der Konferenz ausgewertet. Außerdem wurden mögliche nächste Schritte in der Kooperation zwischen Lyrik und Wissenschaft skizziert. Die Ergebnisse dieser Diskussionsrunden wurden zusammengeführt und werden im folgenden komprimiert dargestellt.


Die Konferenz wurde, nach allgmeiner Rückmeldung, als produktiv wahrgenommen. Insbesondere jene Veranstaltungsformate, bei denen ein thematischer Bereich durch Poesie und Wissenschaft gemeinsam bearbeitet wurde, wurden als ergiebig eingeschätzt. Dass sich das thematische Spektrum von lyriktheoretischen über literaturhistorische bis auf das breite Feldwissenschaftlich-künstlerisch akuter Fragen erstreckte, wurde befürwortet und auch für die weitere Entwicklung von Kooperationen als Perspektive begrüßt.


Wiederholt wurde der Wunsch nach einer Folgekonferenz ähnlichen Formats geäußert, um die begonnene Kommunikation zu verstetigen. Eine Ergänzung um kleinere Veranstaltungen, um interne wie externe, öffentliche und nichtöffentliche Workshops sowie neu zu entwickelnde Formate könnte die Kommunikation zusätzlich fördern. Bei der Konzeption solcher Formate wäre zu berücksichtigen, dass diese die kooperierenden Richtungen als mit ihren je eigenen Mitteln analysierende Disziplinen adressieren und fördern: So sollte einerseits das Wissen der Dichter:innen als über das eigene Werk hinausgreifend begriffen werden, wie es andererseits gerade den Literaturwissenschaftler:innen erlaubt sein sollte, ihre die Lyrik betrachtende Position zu verlassen. Zu schaffen wäre ein Dialog, der durch die Erprobung und Differenzierung neuer sprachlicher Formen imstande wäre, die Beziehungen zum gemeinsam gewählten Gegenstand aus den verschiedenen Blickwinkeln auszuloten.


Die Vertiefung des Austauschs zwischen Lyrik und Wissenschaften wird nicht nur in einem  sehr grundlegenden Sinn intersektionales Denken und damit die Wissensentwicklung voranbringen. Sie antwortet auch auf konkrete Desiderate beider Seiten: Seitens der Universitäten, insbesondere der Literaturwissenschaft wird die willkommene Möglichkeit geschaffen, stärker über die Grenzen der Universität hinaus zu wirken, die außeruniversitäre Öffentlichkeit zu erreichen und an kultureller Praxis zu partizipieren. Seitens der Lyrik hingegen böten sich neben der Erschließung neuer Rezeptionsräume und Finanzierungsmöglichkeiten nicht zuletzt bessere Perspektiven für 'artistic research'-Projekte und die Entwicklung transdisziplinärer Ansätze in den eigenen Arbeiten.


Voraussetzung für tatsächliche inhaltliche Kooperationen wäre allerdings, dass Bedingungen geschaffen werden, die nicht nur der jeweils anderen Disziplin Einblicke in den state of the art gewähren und die Gelegenheit einräumen, eingeübte Praktiken kritisch zu reflektieren,sondern die neue, experimentelle Ansätze zuallererst erlauben. Angeregt wurde die Schaffung bzw. (Weiter-)Entwicklung folgender Instrumente:


- längerfristige Einbindung von Dichter:innen in Forschungsprojekte (poets-in-residence) sowie Workshops und Tagungen
- Co-Teaching-Modelle für Lyrik und Wissenschaft
- gemeinsame summer schools
- Ausbau fächerübergreifender Lyrikstrukturen an Universitäten
- Co-Teaching für Lehrer:innen und Lehrer, jeweils unterrichtet von Lyrik- und
Wissenschaftsseite
- Möglichkeiten zur gemeinsamen Projektarbeit; dazu auch: Wiederholung des Sensing-Formats und Erweiterung der um anschließendes Workshop-Format, in dem die betreffende Fragestellung in größerem Wissenschafts-Lyrik-Kreis weiter bearbeitet wird
- Co-Publishing: Schaffung gemeinsamer Publikationsformate
- Entwicklung einer gemeinsamen Plattform, wo Wissenschaftler:innen und    Dichter:innenexperimentell schreiben und aufeinander reagieren können
- Entwicklung von universitären wie außeruniversitären Veranstaltungen, die sich an eine wissenschaftliche wie literarische Öffentlichkeit gleichermaßen richten
- Co-Reading-Formate für Lyrik und Wissenschaft(en)
- Schaffung von mehr Professuren für kreatives Schreiben und bessere Einbindung in universitären Kontext
- Schaffung von Gastprofessuren für Dichter:innen mit durch die Dichter:innen frei zu bestimmenden Lehrinhalten
- Schaffung von Instituten zur Praxis der Literatur
- Kooperationen zu Fragen der Lyrikvermittlung und ihrer Verankerung in Lehrplänen
- engere Kooperation von Lyrik, Universitäten und Schreibschulen zur Förderung der Lyrikkritik
- Co-Coaching: Ermöglichung von Doppelkarrieren in der nächsten Generation durch systematisches Mentorat durch Dichtung und Wissenschaft
- Co-Funding: Entwicklung gemeinsamer Antragsformen, Verschränkung von Förderwissen zur Kombination finanzieller Mittel


Grundlegend schien auch die Frage, ob derartige Kooperationen eine Verankerung außerhalb der bestehenden Universitäten finden könnten bzw. sollten. Die Ausgangslage der Lyrik, der ein eigener Ort fehlt (wie ihn für andere Sparten das Konzerthaus oder das Theater oder für die Prosa das Literaturhaus bilden), spiegelte sich damit auch in diesem Kontext. Angeregt wurden u.a. die Schaffung eines Zentrums zu Text-Technology-Research, das nicht zuletzt
der Aufgabenentwicklung zu dienen hätte, eines gemeinsamen Think Tanks von Lyrik und Wissenschaft sowie die Gründung eines Europäischen Hauses für Poesie, mit Bibliothek und Archiv, Arbeits- und Proberäumen mit technischer Ausstattung, Veranstaltungs- und Ausstellungsräumen sowie einem residency-Komplex für Dichter:innen und ihre internationalen Kooperationspartner:innen aus den Wissenschaften.